Dr. Richard W. Gassen
anlässlich des Saar-Ferngas Förderpreises 1998
Saarland Museum, Saarbrücken
Von Zitronen, Schultafeln und anderen Dingen
Zur Installation von Andrea Hold-Ferneck
Mit Andrea Hold-Ferneck wurde eine zweite Preisträgerin im Wettbewerb "Junge Kunst" gekürt, die einen Werkbegriff vertritt, der sich von den gängigen Gattungsbegriffen bzw. Kategorien
weitestgehend gelöst hat. Die in Hannover geborene und in Wuppertal lebende Künstlerin vereint Fotografien, Fotogramme und Dinge des Alltags zu einem Bildganzen, das seine
ästhetische Valenz aus der Anordnung der einzelnen Teile im räumlichen Kontext bezieht.
Wichtig für ihr Kunstverständnis ist die Werkkategorie des "Ensembles" (so auch der Titel zahlreicher ihrer Arbeiten), das eine variable Zahl von Bildelementen zuläßt. So können für den
jeweiligen Aufstellungs- bzw. Ausstellungsort drei, vier, fünf oder auch mehr Teile kombiniert werden; diese fungieren wie Grundbausteine, die, wie etwa das Motiv des Schefflera-Blattes,
in unterschiedlichen Konstellationen und Konfigurationen funktionieren.
Dem beschriebenen Prinzip folgt auch das hier ausgestellte Ensemble, das sich aus sechs Einzelelementen zusammensetzt aus vier in Reihe gehängten Farbfotogrammen, zwei querformatigen Farbfotografien, einer hochformatigen Farbfotografie, einem schmalen querformatigen
Farbfotogramm, mehreren Schwarzweiß-Fotografien in Form von Pflanzenblättern und einer Konsole mit Zitronen. Figurative und abstrakte Bildelemente treten in der Installation
gleichwertig nebeneinander: Während sich die vier hellblauen und das graue Farbfotogramm als autonome Bildkörper, als reale (Kunst-)Objekte zu erkennen geben, bilden die Farbfotografien
reale, d.h. sichtbare Gegenstände (Schultafeln und Staffeleien) ab; die Schwarzweiß-Fotografien der Schefflera-Blätter sind in ihren Umrißformen den realen Blattformen nachempfunden,
wohingegen es sich bei den auf der Konsole liegenden Zitronen um echte Früchte handelt.
Andrea Hold-Fernecks Installation reflektiert auf äußerst vielfältige Weise die Möglichkeiten und Bedingungen der Wahrnehmung visueller Phänomene und deren künstlerischer Umsetzung – wobei sie, und dies ist ein ganz wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit, ihre Bildmotive nicht den "großen" kunstgeschichtlichen Themenkreisen entlehnt, sondern sich den eher banalen Dingen des Alltags- (etwa den Blättern der Schefflera, einer in bürgerlichen Wohnzimmern ebenso wie in Amtsstuben beliebten Zimmerpflanze) zuwendet. Sie geht, auf unterschiedlichen Bedeutungs- und Wahrnehmungsebenen operierend, der Frage von Urbild und Abbild, dem Verhältnis von dinghafter Realität und deren Umsetzung in die Sprache des Bildes nach: die Zitronen als Repräsentanten der dinghaften Wirklichkeit, der Natur; die in Form geschnittenen Schefflera-Blätter als künstlich-künstlerische Aneignung, sozusagen als "Kopie" der Natur; die von einem hohen Realismus geprägten Farbfotografien als Abbilder realer Gegenstände wie Schultafeln und Staffeleien, wobei die auf einer Staffelei stehende Schultafel
das Phänomen des Bildes im Bilde unter einem verfremdeten Aspekt thematisiert; und schließlich die abstrakt-monochromen Farbfotogramme, denen ein eher technisch-anonymer Charakter
eignet, quasi als Gegenposition zur "Natürlichkeit" der Zitronen.
Unverkennbar bezieht Andrea Hold-Fernecks Installation ihre Spannung und künstlerische Dichte aus dem Prinzip der Dualität: der Dualität von Natürlichem und Technischem, von
Abstraktion und Gegenständlichkeit, von Schwarzweiß und Farbe. Scheinbar Disparates fügt sich zu einer geschlossenen künstlerisch-ästhetischen Einheit und öffnet ein weites Feld an
Assoziationsmöglichkeiten, das sich aber einer eindeutigen Lesbarkeit, sowohl in formaler wie auch in inhaltlicher Hinsicht, entzieht. Und so ist es gerade die visuelle und gedankliche Mehrdeutigkeit, die den genuinen Reiz dieses Werkes ausmacht, die den Betrachter zum intensiven Hinsehen und Nachdenken auffordert.
Richard W. Gassen