Dr. Stefan Rasche, 2001
in Katalog Gewächse, Andrea Hold-Ferneck
anlässlich der Ausstellungen im
Kunstverein Bremerhaven und dem
Kunstverein Morsbroich Leverkusen
Grünwerk - offenes System
Fotografische Aufnahmen von heimischen Pflanzen und
Bepflanzungen, von Feld und Garten, Wald und Wiese bilden
im Werk von Andrea Hold-Ferneck seit längerem eine motivische Konstante. Für sich genommen schön und banal zugleich, mögen sie mitunter an Abbildungen aus Gärtnerei-Katalogen oder floristischen Handbüchern erinnern – und doch liegt ihnen eine ästhetische Strategie zu Grunde, die nicht zwingend im Einzelbild, umso stärker aber in den Inszenierungen zu Tage tritt. Denn was auf den ersten Blick noch als Bilderbogen einer idyllischen Gartenschau erscheint, um konventionelle Erwartungen und Projektionen zu bestätigen, zeigt spätestens im Kontext seine Sollbruchstellen. Mit ihnen provoziert Andrea Hold-Ferneck Fragen nach der Bildwirklichkeit, ihren Funktions- und Wahrnehmungsmechanismen, die sie an unserem zivilisatorisch geprägten Naturbegriff und seinen Klischees verhandelt. Und bedient sie sich dazu bevorzugt der Fotografie, so versteht sie sich nur bedingt als Fotografin, zumal sie die Grenzen des apparativ erzeugten Bildes wiederholt nach verschiedenen Richtungen hin durchbrochen hat. Den Beginn dieser Erkundungen markieren jene schwarz-weiß fotografierten
Scheffleras, deren fleischige Blätter Andrea Hold-Ferneck
samt Schattenwurf freigestellt hat, um sie als illusionistische cut outs auf die Wand zu hängen. Meist über Augenhöhe, bevorzugt in Nischen und Winkeln angebracht, nisten sie sich wie große Spinnen in den Räumen ein, wobei ihrer täuschenden Lebendigkeit allein durch die fehlende Farbe Einhalt geboten wird.
Als dichtes Grünwerk erweisen sich dagegen drei fotografische
Bildpaare einer heimischen Waldlandschaft, die das Verhältnis von Natur und Künstlichkeit, von Bild und Abbild, von reproduzierter Realität und ästhetischer Manipulation auf andere Weise gewichten. So werden die scheinbar vertrauten, teils wildwüchsigen, teils kultivierten Waldstücke von einer irritierenden, fast spiegelbildlichen Symmetrie beherrscht, denn obwohl jede Tafel ihren eigenen Vegetationsraum eröffnet, taucht an der inneren Schnittkante als Dopplungselement derselbe, nahansichtige Baumstamm auf, was zu einer Verklammerung der benachbarten Ausschnitte führt. Vergleichbar mit dem sogenannten Repoussoir-Effekt, einem Kunstgriff in der Malerei, der mittels einer in den unmittelbaren Bildvordergrund gestellten Figur die Illusion der Tiefenräumlichkeit verstärkt, triumphiert auch hier das suggestive Moment der Komposition über die bloße Abschilderung der Landschaft.
Eine subtile, prozesshafte Form der Annäherung spiegeln
dagegen jene Fotosequenzen wider, die Fallobst auf einer
Wiese oder auf Wirtschaftswegen zeigen. Denn lassen sie
von Bild zu Bild in der Anzahl und Position der Früchte minimale Veränderungen erkennen, so bleibt doch ungeklärt, ob die Fotografin damit einen natürlichen Ablauf dokumentiert oder manipulativ in die Wirklichkeit eingegriffen hat, ob es sich also um eine vorgefundene Situation oder eine wiederum nach kompositorischen Aspekten getroffene Anordnung handelt. Nicht unwesentlich für diesen Kippmoment ist dabei die Auswahl der Formate und ihre rahmenlose Präsentation. So meidet Andrea
Hold-Ferneck das in der zeitgenössischen Fotografie weit
verbreitete blow-up-Verfahren, um die alltäglichen Motive
nicht vorsätzlich zu überhöhen, wie auch Brillanz und
Detailgenauigkeit nie zum Selbstzweck erhoben werden.
Hinter Plexiglas aufgezogen, nehmen sich die Bilder in ihren moderaten Dimensionen statt dessen wie portable Garten- oder Landschaftsfenster aus, um einen ausschnitthaften, ungerahmten Blick auf das nahe, wuchernde Grün zu geben. Denn tatsächlich vermitteln ihre Aufnahmen stets das Gefühl, als sei das nächste Haus, der nächste Hof nicht fern.
Quasi stellvertretend für diesen Prozess, den an sich unverdächtigen Bildern aus Wald und Flur eine am Betrachter orientierte Perspektive abzugewinnen, steht eine lose Folge von Porträtaufnahmen, die - mit Selbstauslöser aufgenommen - die Künstlerin, in ihrer Person unkenntlich, aus der Rückenansicht oder mit vom Bildrand- abgeschnittenem Kopf, bei ihren Begehungen und Erkundungen unter freiem Himmel zeigt. Und ist spätestens hier eine selbstreflexive Ebene berührt, so hat
Andrea Hold-Ferneck in den letzten Jahren eine Reihe von Strategien entwickelt, um diese kommentierende Befragung der eigenen künstlerischen Praxis und ihrer Resultate noch zu verstärken. Dazu gehört die Verwendung ausgewählter Realien aus der Alltagswelt, die sie den Inszenierungen gleichberechtigt einverleibt - etwa, indem sie ihre grüne Jacke, die sie auf einem der Fotos trägt, lakonisch in die Ausstellung hängt, auf kleinen Podesten Bücher über Gartenkunst stapelt, nostalgische Topfpflanzenn auf Fensterbänken und in Vitrinen platziert oder,
wie in Bremerhaven, Geranienkübel und Gartenmöbel im Raum anordnet. Dabei kommt solchen und anderen Versatzstücken die Bedeutung von Surrogaten zu, die auf die Zivilisierung, ja Domestizierung der Natur verweisen. Zum installativen Ensemble ausgebaut, eröffnen sie zugleich einen Dialog mit den Fotoarbeiten, sei es direkt als ein dem Bild entnommenes Zitat oder als mögliche Requisite aus seiner nächsten bewohnten Umgebung, die jenseits der Bildgrenzen plastische Gestalt annimmt.
Noch einmal radikalisiert hat Andrea Hold-Ferneck diese meist assoziativen Quer- und Rückverweise durch das tautologische Verfahren, dokumentarische Aufnahmen früherer Ausstellungssituationen einzubeziehen, so dass einzelne ihrer Arbeiten, ob sie nun an- oder abwesend sind, erneut als Bild im Bild erscheinen. Ohne in deckungsgleichen, bloß abbildhaften Relationen aufzugehen, ergeben sich durch dieses variantenreiche Spiel mit den verschiedenen Bild- und Wirklichkeitsebenen variable Übergänge an der Schnittstelle von Präsentation und Repräsentation. Anders gesagt, formieren sich die einzelnen Bestandteile zu einem offenen System, das sich im Zustand permanenter Verwandlung und Erweiterung befindet, um bewegliche Sinn- und Sehzusammenhänge zwischen den Bausteinen der jeweiligen Inszenierung entstehen zu lassen. Eine Möglichkeit, in letzter Konsequenz sogar die Autorenschaft ihrer eigenen Ausstellungen zu durchbrechen, hat Andrea Hold-Ferneck schließlich darin gefunden, dass sie mitunter Arbeiten anderer Künstler als "blinde Passagiere" integriert, so in Bremerhaven zwei SchwarzWeiß-Aufnahmen des Berliner Fotografen Michael Schmidt. Dabei bleiben sie nicht als Fremdkörper isoliert, sondern sorgen einmal mehr für jene Perspektivverschiebungen, die Andrea Hold-Ferneck strategisch kultiviert und fortentwickelt. Von daher liegt es nicht fern, ihre Methode metaphorisch mit dem Gegenstand der Untersuchung kurzzuschließen: Wenn man so will, bestellt sie ein thematisches Feld, dem sie - durch Kreuzung und Veredelung - immer wieder neue Metamorphosen abgewinnt.
Stefan Rasche